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Stadtmuseum Simeonstift Trier Möbel [VI.249]

Kommode mit weiblichen Hermen

Kommode mit weiblichen Hermen (Stadtmuseum Simeonstift Trier RR-R)
Provenance/Rights: Stadtmuseum Simeonstift Trier (RR-R)

Description

Die rundum mit Kirschholz furnierte, vierschübige Kommode ist in Pfostenkonstruktion gebaut und streng gerade gestaltet. Sie steht auf vier Füßen, von denen die vorderen als geschnitzte, ebonisierte Löwentatzen gestaltet sind, während die rückwärtigen eine schlichte, sich verjüngende, kantige Form besitzen. Nach unten hin schließt die Kommode mit einer glatten Leiste ab, die sich um Front und Seiten verkröpft. Die drei unteren, weniger breiten Schubladen sind durch Traversen getrennt, während die obere, vorkragende von zwei weiblichen Hermen getragen wird, die den vorderen Stollen vorgeblendet sind. Sie sind als strenge und kantige, sich nach unten hin verschmälernde Pilaster gestaltet, die profilierte Basen und oben weibliche Büsten besitzen, beides aus gegossener Bronze. Die beiden identischen Büsten haben ihre originale, grünliche Patina erhalten und zeigen eine junge Frau mit altgriechischer Haartracht, Perlenkette und einem Palmetten-Ornament auf der Brust. Die abschließende, ebenfalls mit Kirschbaumholz furnierte Deckplatte ragt leicht über den Kommodenkorpus hinaus und ruht auf einem schmalen, nur wenig profilierten Gesims. Jede der drei unteren Schubladen besitzt einen zentralen Schlüsselschild mit Blumendekor der Zeit um 1830, flankiert von je zwei Handhaben, deren getriebene, querovale Grundplatten einen liegenden Löwen zeigen und in welche die Zugbügel verschraubt sind. Diese sind etwas früher als die Schlüsselschilde zu datieren und werden um 1820 entstanden sein. Der Dekor der Kommode ist von antiken Formen beeinflusst. So zeigen nicht nur die Beschläge einen Rückgriff auf das Altertum: Die Füße in Löwentatzenform und vor allem die weiblichen Hermen, Elemente der antiken Denkmalskunst, betonen diesen Eindruck, der durch ihre altgriechische Haartracht, die Perlenkette und das Palmetten-Ornament auf der Brust noch verstärkt wird. In ihren Formen lehnt sich die Kommode an französische Möbel des Directoire (1795–1799), des Consulat (1799–1804) und des Empire (1804–1814) an. Die Orientierung an der Antike manifestierte sich aber bereits im Louis XVI. (1760–1790) in den Bereichen Bildende Kunst, Inneneinrichtung, Möbelkunst und auch generell im gesellschaftlichen Leben. Diese Tendenzen setzten sich in der Folgezeit weiter fort. 1788 hatte Elisabeth Vigée-Lebrun (1798–1801) – Hofmalerin Königin Marie-Antoinettes (1755–1793) – mit ihrem souper grec großes Aufsehen erregt, sodass der Style à la grecque quasi über Nacht in aller Munde war. In der Möbelkunst wurde in der Folgezeit die strenge Eleganz des Louis XVI. beibehalten, während die Formen weiter vereinfacht wurden und sich der Dekor zunehmend durch Schlichtheit auszeichnete. Das Interesse am antiken Stil steigerte das Streben nach archäologisch korrekten Vorbildern. Diesem Wunsch kamen vor allem die Publikationen über antike Denkmäler, wie jene des italienischen Kupferstechers, Architekten und Archäologen Giovanni Battista Piranesi (1720–1778) oder des englischen Architekten Robert Adam (1728–1821) nach, die innerhalb kürzester Zeit weite Verbreitung fanden. Französische Architekten, namentlich Charles Percier (1764–1838), nahmen in ihren Bauten direkten Rückgriff auf die Architektur der Antike. Zu den Elementen des griechischen und römischen Altertums kamen nach der Ägyptischen Expedition 1798–1801 unter Napoleon Bonaparte (1769–1821) auch Motive der altägyptischen Kunst hinzu. Diese Tendenzen hatten auch unmittelbaren Einfluss auf die Inneneinrichtung. Motive mit geometrischem Charakter wie stilisierte Palmetten und Fächerrosetten wurden beliebt. Ebenso fanden sich nunmehr an den Möbeln Versatzstücke aus der griechisch-römischen Antike und dem ägyptischen Altertum wie Pilaster, Säulen, Obelisken, Pylonen, Löwenbeine oder -füße und vieles mehr. So sind z. B. im Werk des Pariser Ebenisten Bernard Molitor (1755–1833) Kommoden, Chiffonnieren, Konsoltische und Sekretäre zu finden, in denen sich das Motiv des Frontdekors der hier behandelten Kommode mit Füßen in Form von Löwentatzen und weiblichen Hermen wiederholt. Derartige Möbel wurden in der Molitor-Werkstatt von 1803 bis 1810 gefertigt. Aber auch bei anderen Möbeln der Zeit mit französischer Provenienz lassen sich diese Dekorformen häufig finden. Sämtliche Antikenzitate fanden unter deutschen Möbeltischlern zu Beginn des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung. Die Kommode aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift ist aufgrund des verwendeten Blindholzes (Eiche und Fichte) eindeutig deutscher Provenienz und stammt offensichtlich aus dem südwestdeutschen Raum. Sie dürfte um 1810/15 entstanden sein. Die Kommode ist mit 154 cm ungewöhnlich breit, fast 20 bis 30 cm breiter als das sonst übliche Maß, das bei etwa 120/130 cm liegt. Aufgrund dieser Dimensionen ist anzunehmen, dass sie ein Auftragsmöbel war, das eigens für einen bestimmten Platz angefertigt wurde.

(Der Text ist mit genauen Quellenangaben und Fußnoten im Katalog zur Ausstellung "Aufgemöbelt - Historische Möbel aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift" nachzulesen.)

Material/Technique

Fichte, Eiche, Kirschbaum, Linde, Messing, Bronze, Eisen

Measurements

H 92.5 cm, B 154 cm, T 67 cm

Stadtmuseum Simeonstift Trier

Object from: Stadtmuseum Simeonstift Trier

Das Museum ist ein stadtgeschichtliches Museum mit Sammlungsschwerpunkten auf Zeugnissen der Trierer Stadtgeschichte sowie auf Kunst und Kultur der...

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