museum-digitalrheinland-pfalz

Close
Close
Stadtmuseum Simeonstift Trier [III.56]

Marketerietafel "Die Ermordung der Hll. Kilian, Totnan und Colonat"

Marketerietafel "Die Ermordung der Hl. Kilian, Totnan und Colonat" (Stadtmuseum Simeonstift Trier RR-R)
Provenance/Rights: Stadtmuseum Simeonstift Trier (RR-R)

Description

Während seine Begleiter ermordet zu seinen Seiten liegen, wird ein in einem Innenraum zu Boden gestürzter Bischof von zwei mit Schwertern bewaffneten Schergen angegriffen. Mit seiner Rechten weist der Angegriffene auf ein vor ihm auf dem Boden liegendes aufgeschlagenes Buch. Auf der linken Buchseite sind in zwei Reihen die Buchstaben BD und darunter MIR zu lesen, auf der rechten Seite PRИI und darunter ZH. Rechts im Hintergrund sehen zwei in einer Tür stehende Frauen dem Massaker teilnahmslos zu. Die vordere und jüngere der beiden hat ihre Hände auf ihren hochschwangeren Leib gelegt. Der Raum, in dem die Szene spielt, gleicht in seiner Gestaltung einer Theaterbühne. Das Buch ist so auf den Boden gelegt, dass seine obere linke Ecke über den Rand des Schachbrettbodens ragt, als würde das Geschehen auf einem erhöhten Podium stattfinden. An der linken Seite und im Hintergrund weisen Innenarchitektur und -dekoration – bestehend aus Säulen auf Postamenten, Wandpilastern, einem Boden mit aufwendigem Belag aus großen Platten in Schachbrettmuster – sowie die schwere Draperie mit Raffschnur und Troddeln darauf hin, dass die Szene in einem herrschaftlichen Raum spielt. Anhand dieser Versatzstücke lässt sich die „Kulisse“ der Schauspielgattung der Tragödie zuordnen. Das Thema der Darstellung ist allerdings nicht ohne Schwierigkeiten zu benennen. Verschiedene Interpretationen wurden vorgeschlagen. So wurde vermutet, dass die Szene die Gefangennahme des Trierer Erzbischofs und Kurfürsten Philipp Christoph von Sötern am 26. März 1635 durch die Spanier darstellt. Die Begebenheit soll sich wie folgt ereignet haben: „Der spanische Oberst Maillard, Karl von Metternich sowie der Graf von Embden begaben sich an der Spitze von vier Schwadronen Reitern nach dem kurfürstlichen Palast und stürmten geradewegs zum Gemache des Kurfürsten. Als Philipp Christoph von Sötern Einwendungen machen wollte, setzten Metternich und Maillard ihm den bloßen Degen auf die Brust mit den Worten: ‚Euer Durchlaucht geben sich gefangen.‘ ‚Gut nun‘, sprach jener, ‚wenn es nicht anders sein kann.‘“ Ein Vergleich zwischen dieser Beschreibung und der Darstellung zeigt große Unterschiede. Während in dem Bericht drei Adelige die Festsetzung von Söterns ausführen und dieser sich nach kurzer Gewaltandrohung sofort ergibt, sind auf der Marketerietafel lediglich zwei hemdsärmelige, schlicht gekleidete Häscher dargestellt, die einen im vollen Ornat gekleideten Bischof zu Boden geworfen haben und im Begriff sind, ihn – wie schon seine beiden Begleiter zuvor – zu ermorden. 2013 konnte das Stadtmuseum Simeonstift ein Flugblatt aus dem 17. Jahrhundert erwerben. Dieses aus zwei Teilen bestehende Blatt zeigt in der oberen Hälfte in vier Bildmotiven das Panorama der Stadt Trier, die Gefangennahme des Philipp Christoph von Sötern, sein Porträt und seine Inhaftierung im Gasthof „Zum Hirschhorn“. Das Flugblatt stellt die Festnahme von Söterns ohne einen hochdramatischen, ja lebensbedrohenden Angriff auf den Kirchenfürsten oder die Ermordung seiner Begleiter dar und weicht somit deutlich von der Szene auf der Marketerietafel ab. Ebenso wenig kann der von Greber zum Vergleich herangezogene Stich „Der Churfürst von Trier wird gefangen genommen“ von 1772 als Vorlage für die Tafel gedient haben. Dort wird der sitzende Bischof von zwei edel gekleideten Adeligen mit ihren Degen bedroht, aber nicht zu Boden geworfen. Auch wird die Szene nicht von zwei Frauen beobachtet. Folglich muss die Darstellung unserer Tafel anderen Inhalts sein. Möglicherweise wird hier die Ermordung der Hll. Kilian, Totnan und Colonat gezeigt. Vom Märtyrertod des iroschottischen Missionars Kilian, dem Patron Frankens und Bischof von Würzburg, und seiner beiden Gefährten wird berichtet, dass Kilian von dem zum christlichen Glauben bekehrten Frankenherzog Gozbert verlangt habe, sich von Gailana zu trennen, der Witwe seines Bruders, mit der er nach dessen Tod nach germanischem Brauch die Schwagerehe eingegangen war. Nach römischem Recht galt eine derartige Verbindung jedoch als Akt der Blutschande. Als der Herzog auf
die Forderung Kilians einging, ließ die Verstoßene aus Rache die drei Missionare durch gedungene Schergen ermorden.9 Die Darstellung unserer Tafel weist mit dieser Erzählung mehr Übereinstimmungen auf als mit jener der Gefangennahme des Philipp Christoph von Sötern: Die Begleiter sind bereits ermordet, während die beiden Häscher Kilian niedergerungen haben und nun im Begriff sind, auch ihn zu töten. Gailana, die Auftraggeberin des Mordes, sieht in Begleitung einer Dienerin aus sicherem Hintergrund dem blutigen Geschehen zu. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Marketerie die Ermordung der Hll. Kilian, Totnan und Colonat zeigt. Die Tafel gehört zu einer Gruppe marketierter Bildtafeln, die dem Umkreis der Manufaktur von Abraham und David Roentgen zugeordnet werden. Derzeit sind drei Tafeln gleichen Inhalts, aber mit mehr oder weniger großen Variationen in der Darstellung bekannt. Eine Tafel kleineren Formats besitzt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Dort sind die Figuren größer in den Bildraum gesetzt, wodurch das Geschehen kompakter wirkt. Das auf dem Boden liegende Buch trägt die Inschrift: „IANNE: GAMP“. Die dritte Version findet sich eingebaut als Mittelfachrückwand im Eingerichte eines Zylinderbureaus, das 2013 im Kunsthandel angeboten wurde. Um das Bildformat dem zur Verfügung stehenden Platz im Möbel anzupassen, wurde die Komposition der Darstellung hier stark verändert. Die Szene wurde in der Höhe gekürzt und in der Breite ausgedehnt. Die linke Seite wird von einer schweren Draperie dominiert, und die Wandgestaltung ist verändert. Während auf die beiden getöteten Begleiter verzichtet wurde, sind die beiden Frauen im Türrahmen beibehalten worden. Dieses Zylinderbureau ist verschwenderisch mit Marketerien geschmückt, die die typischen Charakteristika der Roentgen-Manufaktur aufweisen. Zu deren gängigen Themenrepertoire gehören chinoise Szenen, Motive der Commedia dell‘Arte, Stillleben und Blumenfestons an geknitterten Bändern. Das Möbel ist auf einer Marketerie im Innern signiert und datiert: „SOBEK FECIT 94“. Der Korpus besitzt strenge klassizistische Formen, ist allerdings in diesen und in der Proportion von einer plumpen Derbheit, die für die Neuwieder Manufaktur sehr ungewöhnlich wäre. Mit Marketerien dieser Art, die in der Roentgen-Manufaktur in den 1770er-Jahren Verwendung fanden, würde es sich mit der Datierung 1794 überdies um ein außergewöhnlich spätes Exemplar handeln. Dieses Möbel ist daher eher einem Nachfolger zuzuschreiben. Aufgrund der engen stilistischen Beziehung der Tafeln wurden die Trierer und Frankfurter Marketerie der Manufaktur Roentgen zugeschrieben. Jedoch kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass die Tafeln dort auch entstanden sind, sondern sie können durchaus von anderen Ebenisten gefertigt worden sein, die in der einen oder anderen Weise mit der Neuwieder Werkstatt in Verbindung standen. Neben den hier besprochenen Marketerien sind weitere Tafeln bekannt, die stilistisch mehr oder weniger eng in Beziehung zur Manufaktur Roentgen zu bringen sind. So besitzt das Stadtmuseum Simeonstift zwei weitere Tafeln mit chinoisen Szenen. Auch das Frankfurter Museum kann eine weitere Tafel sein Eigen nennen, die eine Szene aus dem Leben des Hl. Theodulphus zeigt.16 Das Museum am Dom, Trier, besitzt zwei Marketerien mit Szenen aus der Legende des Hl. Paulin: „Der Schwur der Thebäer“ und „Die Hinrichtung des Trierer Konsuls Palmatius“. Bei annähernd gleicher Größe weisen diese beiden stilistische und kompositionelle Ähnlichkeiten mit der Tafel „Die Ermordung der Hll. Kilian, Totnan und Colonat“ auf: Die Bildräume erscheinen gleich einer Bühne. Die Szenen sind in Untersicht gegeben. Die Böden sind mit großen quadratischen Platten im Schachbrettmuster belegt. Bei allen drei Tafeln ist der Hintergrund aus relativ großen Furnierstücken gestaltet. Während das Geschehen unserer Tafel in einem Innenraum spielt, dessen Wände mittels vorgestellter Pilaster rhythmisch gegliedert sind, handelt es sich bei den beiden anderen um Darstellungen im Freien. Die zentrale Szene wird jeweils rechts und links von vertikalen Motiven begrenzt. Im Falle der Marketerie des Stadtmuseums sind es architektonische Motive – links eine Säule auf hohem Sockel und rechts die Wand –, während bei den Tafeln des Museums am Dom das Standbild der Minerva und ein Altar bzw. der Thron des Rictiovarus und die Fahne der Thebäischen Legion die rahmende Funktion übernehmen. Die Proportionen und Perspektiven sind sehr ähnlich und gut realisiert, wie auch die Muskulaturen naturgetreu wiedergegeben sind. Besonders die Darstellung der Haare und vor allem der Locken ist sehr verwandt. Die Gewandfalten sind in verschiedenfarbigen Hölzern ausgeführt, wodurch die Figuren an Volumen gewinnen. Auch in der Art des Schattenwurfs sind große Gemeinsamkeiten zu erkennen – sie gehen spitz zulaufenden Dreiecken gleich von den Füßen ab. Es ist davon auszugehen, dass die drei Trierer und die Frankfurter Marketerietafeln von einer Hand gefertigt wurden. Zwangsläufig stellt sich die Frage, wem diese Arbeiten zuzuschreiben sind. Der bisher gängigen Annahme, sie wären in der Roentgen-Manufaktur entstanden, ist nicht uneingeschränkt zuzustimmen. Vor allem kann David Roentgen nicht ohne Weiteres als Autor der Marketerien bezeichnet werden. So äußert sich schon 1971 Hans Huth in seinem Brief an Curt
Schweicher kritisch: „Kein Mensch kann übrigens wissen, ob David je Intarsien gemacht hat, obwohl das bisher alle Leute behauptet haben, inclusive ich selbst.“ Die Marketerie des Stadtmuseums trägt auf der Rückseite zwei handschriftliche Namenshinweise: mit Eisentinte „Jean Lortz“ und mit Bleistift „David Röntgen. Neuwied. um 1770“, wobei die erstere eindeutig in einer älteren Schriftweise ausgeführt ist. Der Rahmen der Frankfurter Marketerie besitzt im Inneren der Leiste ebenfalls die Signatur „Lortz“. Richard Laufner konnte zwischen dem Schriftzug auf der Rückseite unserer Tafel und dem auf einem Schreinerriss des 18. Jhs. für einen zweitürigen Dielenschrank im Stadtarchiv Trier eine Übereinstimmung feststellen. Dort findet sich mit Bleistift geschrieben die Bezeichnung „Johann Lortz“. Allerdings befinden sich beide auf den Rückseiten der Objekte. Laufner datiert die Schrift um 1800, also deutlich später als Marketerie und Riss zu datieren sind. Der aus dem fränkischen Merkershausen stammende Johann Adam Lortz (gest. 1779) wurde laut Meisterverzeichnis der Trierer Zimmerleute und Schreiner 1755 als Meister in die Zunft aufgenommen. Allerdings kann Johann Lortz nur bedingt als Autor dieser Tafeln bezeichnet werden, da es sich bei den Beschriftungen nicht um Signaturen im engeren Sinne handelt. Überdies sind bisher keine gesicherten Werke von der Hand Lortz‘ bekannt. Da auch die marketierten Inschriften der auf dem Boden liegenden Bücher auf den beiden oben genannten Marketerietafeln noch nicht zu entschlüsseln sind und daher nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob es sich hier, wie im Fall des Zylinderbureaus im Kunsthandel, um eine Signatur handelt, muss die Autorenschaft der Marketerien vorerst ungeklärt bleiben. In der Forschung wurde auch die Annahme kritisch hinterfragt, die Entwürfe zu diesen Tafeln stammten aus der Hand von Januarius Zick (1730–1797). Während Josef Maria Greber und Walter Dieck keinerlei Zweifel an dieser Zuordnung haben, sieht Hans Huth es als „eine völlig unbewiesene Behauptung“ an. Ebenso nahm Josef Straßer die Marketerien lediglich als fragliche Werke in sein Zick-Werkverzeichnis auf. Allerdings sind stilistische Ähnlichkeiten mit Werken von Januarius Zick nicht von der Hand zu weisen. So ist die Disposition eines bühnenähnlichen Raumes, wie sie den Marketerien gemeinsam ist, auch in Gemälden und Zeichnungen von Zick festzustellen. Sie findet sich in dessen gesamtem OEuvre wieder: So in dem frühen, signierten und 1750 datierten Gemälde „Der Heilige Benedikt erweckt einen jungen Mönch vom Tode“ wie auch in späteren wie der „Darstellung im Tempel“ um 1760 und dem 1777 datierten „Merkur in der Werkstatt eines Bildhauers“ und schließlich in den späten, um 1780–1794 datierten Werken „Die Verkündigung an Maria“, „Isaak segnet Jakob“ und „Cornelia die Mutter der Gracchen“. Geradezu augenfällig sind die Gemeinsamkeiten der Raumdispositionen der Marketerien mit Arbeiten von Zick anhand der Zeichnung „Die Hinrichtung des Jacobus des Älteren“ zu erkennen. Nicht nur die Gleichartigkeit der Themen zwischen der „Enthauptung des Trierer Konsuls Palmatius“ auf der oben genannten Marketerietafel des Museums am Dom und der Zeichnung bedingt diese Ähnlichkeiten, sondern auch die Umsetzung des Geschehens. Vor allem die Proportionen der Körper, die Ausbildung der Muskulatur der Protagonisten und hier im Besonderen die der Henker und der Priester zeigen eine große stilistische Nähe. Auch die beiden anderen Marketerien weisen dieselben stilistischen Merkmale auf. Es ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass ein Entwurf von Januarius Zick den drei Marketerien zu Grunde gelegen haben kann. Ein weiteres bislang ungeklärtes Problem ist die Frage nach dem Auftraggeber der Marketerien. Die Annahme, es handele sich dabei um den letzten Trierer Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ist leider ebenfalls nicht gesichert. Abschließend ist festzuhalten: Mit der Tafel „Die Ermordung der Hll. Kilian, Totnan und Colonat“ besitzt das Museum eine eindrucksvolle Marketeriearbeit in einer wunderbaren Qualität, deren Vorlage durchaus von der Hand Januarius Zicks stammen könnte und die wahrscheinlich für die Manufaktur Roentgen gearbeitet wurde. Der Entwurf ist in die 1770er-Jahre zu datieren und wurde mehrfach wiederholt. Leider konnte bisher nicht geklärt werden, ob von der Werkstatt Vorlagen getauscht oder sogar verkauft wurden, wenn sie den hohen Modestandards des Hauses nicht mehr entsprachen. Natürlich sind mit Sicherheit auch Kopien von Motiven der Manufaktur gemacht worden, wie es auch Nachahmungen kompletter Möbel gibt. Die Tafel wurde von einem oder mehreren geschickten Ebenisten ausgeführt, die in der einen oder anderen Weise der Neuwieder Manufaktur verbunden waren, aber nicht unbedingt dort beschäftigt gewesen sein müssen.


(Der Text ist mit genauen Quellenangaben und Fußnoten im Katalog zur Ausstellung "Aufgemöbelt - Historische Möbel aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift" nachzulesen.)

Material/Technique

Nussbaum, Nussbaumwurzelm Palisander, Birke, Ahorn,

Measurements

H 53 cm, B 71.5 cm, T 2 cm

Stadtmuseum Simeonstift Trier

Object from: Stadtmuseum Simeonstift Trier

Das Museum ist ein stadtgeschichtliches Museum mit Sammlungsschwerpunkten auf Zeugnissen der Trierer Stadtgeschichte sowie auf Kunst und Kultur der ...

Contact the institution

[Last update: ]

Usage and citation

Cite this page
The textual information presented here is free for non-commercial usage if the source is named. (Creative Commons Lizenz 3.0, by-nc-sa) Please name as source not only the internet representation but also the name of the museum.
Rights for the images are shown below the large images (which are accessible by clicking on the smaller images). If nothing different is mentioned there the same regulation as for textual information applies.
Any commercial usage of text or image demands communication with the museum.