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Stadtmuseum Simeonstift Trier [VI.13]

Prunkstuhl des Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Walderdorff

Prunkstuhl des Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Walderdorff (Stadtmuseum Simeonstift Trier RR-R)
Provenance/Rights: Stadtmuseum Simeonstift Trier (RR-R)

Description

Mit seiner kräftigen und leicht gedrungenen Gestalt wirkt der Stuhl recht kompakt und ist in seiner Formensprache weitaus weniger elegant als bei höfischen Möbeln der Zeit üblich. Vom Modell her lehnt er sich an englische und holländische Vorbilder der ersten Hälfte bis Mitte des 18. Jahrhunderts an: Der prächtig verzierte Brettstuhl ruht auf vier S-förmig geschwungenen Beinen und besitzt einen bewegten Umriss.1 Das Sitzbrett nimmt den Linienschwung der geschweiften Zarge auf. Die vertikal durchbrochene Rückenlehne ist leicht gebogen, während das Zungenbrett eine reich geschwungene Kontur aufweist. Der Stuhl ist vollständig furniert und mit besonders qualitätvollen und aufwendigen Marketerien dekoriert. Auf Schnitzwerk wurde dagegen gänzlich verzichtet. Die Sitzfläche und die Vorderseite der mittleren Partie des Lehnbrettes sind mit einer Parkettierung marketiert, die mit einem Gittermuster mit sternförmigen Blüten an den Kreuzungspunkten der Stäbe (Décor à la Reine) überzogen ist. Die Marketerien der Zargen und Beine zeigen Rosenranken in naturgetreuer Wiedergabe. Trotz der starken Verbräunung sind die plastischen Formen der Blüten, Blätter und Knospen mit ihren Gravuren gut zu erkennen. Die vollständig mit Blütenranken überzogene Rückseite der Rückenlehne gibt eindeutige Hinweise auf den Auftraggeber und Eigentümer. Im Mittelbrett sind die Insignien und Initialen des Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Walderdorff dargestellt. Oben ist als Zeichen der weltlichen Macht und höheren Gerichtsbarkeit der Kurfürstenhut mit einem hinterlegten Schwert gegeben. In der Mitte versinnbildlichen die Pontifikalien Mitra und Krummstab, Symbole des Guten Hirten und der geistlichen Rechtsprechung, die kirchlichen Würden. Das doppelarmige Patriarchen- oder Erzbischofskreuz verweist auf seinen Rang als Erzbischof. In verschlungenen barocken Initialen schließt sein persönliches Monogramm JPC – Johann Philipp Churfürst – die Komposition nach unten hin ab. Dasselbe Monogramm findet sich auf weiteren Möbeln aus der Werkstatt Abraham Roentgens. Der Prunksekretär mit Wappen und Bildnis Johann Philipp von Walderdorffs im Rijksmuseum Amsterdam hat dieses Monogramm auf der Pultplatte marketiert. Gleichfalls ist es auf der Rückseite der Rückenlehne des in den Formen etwas schlankeren „Pendants“ zu unserem Stuhl im Museum für Angewandte Kunst Köln zu finden. Hier sind in das Gitternetz des Décor à la Reine die Initialen nur unter den Kurhut gesetzt, während auf dem Trierer Modell die Verquickung von weltlicher und kirchlicher Macht betont und so die Bedeutung des Fürstbischofs unterstrichen wird. Ein Ständertisch des J. Paul Getty Museums in Los Angeles zeigt abermals prominent im Zentrum der mit Décor à la Reine verzierten Tischplatte das in Elfenbein und Perlmutter intarsierte Kurfürstenwappen Johann Philipp von Walderdorffs mit den Initialen JPC. Nicht nur das gleiche Monogramm findet sich an dem Prunksekretär in Amsterdam wieder, sondern auch dasselbe Décor à la Reine mit sternförmigen Blüten an den Kreuzungspunkten. Dort sind die Blüten hingegen aus Perlmutter gearbeitet. Vor allem ist es auf dem Sitz und der Rückenlehne der Darstellung eines Throns auf der Schreibplatte zu sehen. Jedoch handelt es sich hierbei um einen Sessel mit niedrigen Armlehnen und gepolstertem Sitz. Ein weiteres Möbel aus dem Besitz Walderdorffs kann das Stadtmuseum Simeonstift sein Eigen nennen: einen halbhohen, zweitürigen Eckschrank, eine Encoignure. Beide Türen sind ebenfalls mit einem aufgelegten Décor à la Reine aus feinen, vergoldeten Holzstäben und Blüten in den Kreuzungspunkten verziert. Im Zentrum des Gitternetzes sitzen kleine Blumen. Den Mittelpunkt der Türen bilden die Insignien des Kurfürsten und Erzbischofs. Unter dem von zwei Kreuzen bekrönten Kurhut ist Walderdorffs Wappen, begleitet von gekreuztem Schwert und Krummstab, zu sehen. Der Stuhl kann nur im Zeitraum von Februar 1756, Walderdorffs Ernennung zum Kurfürsten und Erzbischof von Trier, bis zu dessen Tod im Januar 1768 entstanden sein, lässt sich aus stilistischen Gründen jedoch noch genauer datieren. Zwei Marketerietechniken fanden hier Anwendung. Der Sitz weist die frühe Form der geometrischen Verzierung mit einer schlichten Parkettierung auf, über die das Décor à la Reine gesetzt ist. Die Roentgen-Manufaktur verwendete diese Marketerie vornehmlich in den Jahren 1750–1760, wobei ein späterer Gebrauch des dann eigentlich „altmodischen Dekors“ als dem höfischen Zeremoniell geschuldet möglich ist, da das Décor à la Reine als sublimes Würdezeichen Mitgliedern herrschender Familien vorbehalten war. Der übrige Schmuck entspricht der Phase der „Marketerien in verfeinerten Färbetechniken“, die Hans Michaelsen in die Zeit von 1765 bis 1769 datiert. Demzufolge ist davon auszugehen, dass der Prunkstuhl in den Jahren 1765–1767 entstanden ist. Johann Philipp von Walderdorff war zwischen 1755 und 1768 der bedeutendste Kunde von Abraham Roentgen in Neuwied. Für seine zahlreichen Bauvorhaben, zu denen auch der Hauptflügel des kurfürstlichen Palais in Trier gehörte, benötigte er entsprechende Ausstattungen. Demzufolge war die Manufaktur Roentgen nur eine Werkstatt unter den vielen Lieferanten, wie Georg Himmelheber in den Regesten der Möbelankäufe des Kurfürsten eindrucksvoll dargestellt hat. Über die Nutzung, die den drei Prunkmöbeln zugedacht war, existieren keine konkreten Angaben. Ob die beiden kostbaren Stühle aus Köln und Trier vor einem Schreibmöbel wie dem Amsterdamer standen, um bei einer Audienz den Gast im Sitzen zu empfangen, oder ob sie als reine Repräsentations- bzw. Kunstkammerobjekte zu sehen sind, kann nur gemutmaßt werden. Sicherlich werden sie – wie auch der Amsterdamer Sekretär – schon aufgrund ihrer Kostbarkeit, wenn überhaupt, nur zu besonderen Anlässen benutzt worden sein.

(Der Text ist mit genauen Quellenangaben und Fußnoten im Katalog zur Ausstellung "Aufgemöbelt - Historische Möbel aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift" nachzulesen.)

Material/Technique

Nussbaum, Palisander, Birke, Ahorn

Measurements

H 104 cm, B 45 cm, T 55 cm

Stadtmuseum Simeonstift Trier

Object from: Stadtmuseum Simeonstift Trier

Das Museum ist ein stadtgeschichtliches Museum mit Sammlungsschwerpunkten auf Zeugnissen der Trierer Stadtgeschichte sowie auf Kunst und Kultur der ...

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