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Stadtmuseum Simeonstift Trier [VI.199]

Aktenschrank aus dem Trierer Rathaus

Aktenschrank aus dem Trierer Rathaus (Stadtmuseum Simeonstift Trier RR-R)
Provenance/Rights: Stadtmuseum Simeonstift Trier (RR-R)

Description

Dieser fast vier Meter hohe, um 1740 entstandene Schrank stammt aus dem Alten Rathaus am Kornmarkt.
Gemeinsam mit drei großformatigen Gemälden – dem Trebeta- Gemälde von Claudius Markar (?–1724) und den sogenannten „Rathaus-Allegorien“ von Louis Counet (1652–1721) – gehörte er zur barocken Ausstattung des Sitzungssaales des Rates.1 Bis zu seiner Überweisung ins Museum wurde er gemäß seiner ursprünglichen Bestimmung als Ratsmöbel genutzt. Das Möbel besitzt einen zweigeschossigen Aufbau. Das zweitürige Unterteil ruht auf gedrückten Kugelfüßen. Die rechte Tür wurde erneuert, wobei der mehrpassige Spiegel der Füllung in leicht veränderter Form nachgeschnitzt wurde. Darüber erhebt sich ein Aufsatz mit aufklappbarer Schreibplatte und zwei darüberliegenden, hochrechteckigen Flügeltüren, die gegenständig angeschlagen sind. Während das Möbel überwiegend aus Eiche gearbeitet ist, besteht das schmucklose Eingerichte aus Sperrholz neueren Datums. Der Schrank schließt nach oben hin mit einem profilierten Segmentbogen ab, über dem sich eine reich geschnitzte, ornamentale Bekrönung erhebt. Rocailles, Voluten, Muschelformen, Schuppen- und Gittermuster mit Blüten an den Kreuzungspunkten der Stäbe (das Décor à la Reine) sowie Akanthus sind hier in einer bewegten Silhouette vereinigt. Anhand älterer Fotografien ist zu erkennen, dass sich einst rechts und links der Bekrönung zwei geschnitzte Akanthus-Akrotere befanden, die heute leider verloren sind. Die überbordende Fülle des Aufsatzes bildet einen Gegensatz zu dem strengen Stil der übrigen Schrankfront. Doch zeigt die Entwurfszeichnung eines zweitürigen Schrankes mit Bekrönung, die sich im Stadtarchiv Trier erhalten hat, dass eine derartige Dekoration großer Schränke mit einem aufwendigen Abschluss in Trier offensichtlich nicht ungewöhnlich war. Der Riss zeigt einen ähnlich üppigen Aufsatz, wie ihn der große Ratsschrank heute besitzt. Die Bekrönung wurde jedoch aus einem anderen Eichenholz als der Korpus gefertigt. Gleichzeitig ist eine starke Verwitterung des Holzes der Bekrönung zu erkennen, was auf eine Lagerung an einem anderen Ort, getrennt vom Korpus schließen lässt. Befestigungsspuren am Kranzgesims des Schrankes legen zudem die Vermutung nahe, dass der Giebel ursprünglich einen anderen Abschluss besaß. Ganz offensichtlich stammt die heutige Bekrönung also aus einem anderen Zusammenhang und wurde erst später dort angebracht. Offensichtlich waren die Dekorationsgewohnheiten zum Zeitpunkt der Ergänzung noch bekannt, sodass man sich des vorhandenen Abschlusses in Zweitverwendung bediente. Die Fassade des Möbels ist streng gegliedert und wird durch kräftige Sockel-, Rahmen- und Abschlussprofile und Feldeinteilungen sowie die mehrpassigen Spiegel in den Füllungen bestimmt. Hierbei sind die beiden Felder der Schreibklappe durch ein zentrales, spitzovales Motiv getrennt. Die Form der mehrpassigen Füllungsspiegel, wie sie hier zu sehen sind, ist in Trier und Umgebung häufig anzutreffen. So findet sie sich auch an einem wohl aus Himmerod stammenden Trierer Dielenschrank, der 1901 auf der „Heimatausstellung“ in Trier ausgestellt war und dessen heutiger Verbleib unbekannt ist. Ein altes Foto im Archiv des Stadtmuseums Simeonstift, das dieses Möbel zeigt, ist auf der Rückseite entsprechend bezeichnet. Passend zu seiner strengen Dekoration besitzt der Ratsschrank schlichte, einfache Bronzebeschläge. Der Aktenschrank ist im Grunde die kolossale Vergrößerung eines herkömmlichen Secrétaire à abattant. Gleichzeitig weist die Gliederung der Schrankfront in ein zweitüriges Unterteil, einen Aufsatz mit Schreibklappe und zwei Türen sowie ein abschließendes Gesims große Ähnlichkeit mit Schränken bzw. Einbauschränken Luxemburger Provenienz auf.5 Es ist mit großer Sicherheit davon auszugehen, dass das Möbel von einer Trierer Schreinerwerkstatt gearbeitet wurde. Dafür spricht die Tatsache, dass der Schrank im Auftrag des Rates der Stadt Trier und aus dem für die Region typischen Material Eiche gefertigt wurde.6 Die strenge Gliederung der Front in Füllungen mit mehrpassigen Spiegeln, umgeben von kräftigen Rahmenprofilen, und der eher zurückgenommene, geschnitzte Dekor stützen überdies diese Annahme. Die Kombination von monumentaler Größe, verhältnismäßig bescheidenem Dekor der Front und aufwendiger Bekrönung weist den Schrank als ein Repräsentationsmöbel aus, das den Stolz und das Selbstbewusstsein des Trierer Rates und der Bürger der Stadt zum Ausdruck bringen sollte. Damit stellte es gleichzeitig auch einen Kontrapunkt gegenüber der demonstrativen Prachtentfaltung der Erzbischöfe dar.

(Der Text ist mit genauen Quellenangaben und Fußnoten im Katalog zur Ausstellung "Aufgemöbelt - Historische Möbel aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift" nachzulesen.)

Material/Technique

Eiche, Nadelholz

Measurements

H 388 cm, B 170 cm, T 43 cm

Stadtmuseum Simeonstift Trier

Object from: Stadtmuseum Simeonstift Trier

Das Museum ist ein stadtgeschichtliches Museum mit Sammlungsschwerpunkten auf Zeugnissen der Trierer Stadtgeschichte sowie auf Kunst und Kultur der...

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